OP

Homepage | OPL | Regel | >Brief 1983


BRIEF DES ORDENSMEISTERS
Frater Vincent de Couesnongle OP
an die Laien im Orden des Heiligen Dominikus | April 1983

 

Vincent de Couesnongle«DIE LAIEN: NUR ANHÄNGSEL ODER ORGANISCHER TEIL DER DOMINIKANISCHEN FAMILIE?»
Für die jungen Menschen, die auf der Suche sind.

 

Lange Jahrhunderte hindurch erschienen die Mitglieder der dominikanischen Laiengruppen (damals Dritter Orden genannt) wie ein Anhängsel an den Orden des heiligen Dominikus. Damals wollten sich viele Gläubige diesem Orden anschließen, um seinen geistlichen Schutz zu genießen, in Freundschaft mit und unter dem Einfluss dieses Ordens zu leben. Sie 'wohnten' nicht im Innern des Ordens, sondern wie in der Herberge des Klosters. Insofern kann man wohl vom Dritten Orden sprechen als einem 'Anhängsel' an den Orden oder die Familie des heiligen Dominikus.

Zwar gab es sicherlich gewisse Mitglieder des dominikanischen Laikats, die in der Geschichte des Ordens und der Kirche eine wichtige Rolle gespielt haben. Zu erwähnen sind die heilige Katharina von Siena, Ozanam, Gründer der Vinzenz-Konferenzen, Bartholomäus Longo, der kürzlich von Johannes Paul II. seliggesprochen wurde [hier kann man den Namen des einen oder anderen Drittordensmitglieds des eigenen Landes einfügen].
Jedoch erschienen sie eher als Ausnahmen, die sich durch besondere Umstände erklären. Das ändert aber nicht grundlegend das Gesicht, unter dem uns der Dritte Orden von damals erscheint¹.

***

So kann es heute nicht mehr sein. Seit dem II. Vatikanischen Konzil kann man nicht mehr akzeptieren, dass das dominikanische Laikat nur ausnahmsweise, um es so zu formulieren, ein wesentlicher Teil der Dominikanischen Familie ist.

Das letzte Konzil hat den Laien feierlich den Platz gegeben, den sie eigentlich immer in der Kirche hätten einnehmen müssen; die gegenwärtige Situation der Welt macht das noch drängender als je zuvor. Lumen gentium, das grundlegende Dokument der Kirche über das Volk Gottes, ist gleichzeitig die Urkunde über den richtigen Platz der Laien. Die Laien werden in diesem Dokument als mitverantwortlich für den Aufbau des Königreiches Gottes anerkannt und erklärt.
Was für jeden Gläubigen gültig ist, trifft in besonderem Maß auf die dominikanischen Laien zu, die per Definition sich dem Ruf der Kirche aufmerksamer und treuer stellen.

Verstehen die Laien der Dominikanischen Familie und ihre Direktoren genügend diese ihre Stellung und deren Anforderungen an ihr Engagement? Es wäre schwer, eine rundheraus positive Antwort zu geben, die für alle und überall zutrifft. Und dennoch müsste jede Laiengruppe das Ziel haben, immer mehr ein wesentlicher Teil des Ordens und der Dominikanischen Familie zu sein.

***

Als Mann des Evangeliums wollte der heilige Dominikus das Leben der Apostel weiterführen und es wieder lebendig machen. Wer immer sich also Dominikaner nennt - sei es als Bruder, als Schwester oder als Laie -, muss gemäß seiner ihm eigenen Berufung und Gnade dort, wo er lebt und handelt, dieses apostolische Leben gegenwärtig machen im stärksten Sinn des Wortes - denn das ist das Charisma des Ordensgründers.

Und das gilt auch für die Nonnen (Klausurschwestern), die ihr kontemplatives Leben außerhalb der Welt leben; ihr Gebet aber darf sie nicht davon abschneiden. Verlängern sie nicht auf diese Weise tatsächlich die Nächte des heiligen Dominikus, der zum Himmel schrie: «Mein Gort, mein Erbarmer, was soll aus den Sündern werden?» - aus diesen Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, diesen Ungläubigen, diesen Armen, diesen Unglücklichen unserer Tage.

In ihrer apostolischen Dimension sind die dominikanischen Laien nicht Mitglieder einer Frömmigkeitsbewegung, die rein 'geistlich' wäre. Ihre Berufung ist eine wesentlich apostolische Berufung. Wie die der Brüder und Schwestern, nicht wie die der dominikanischen Nonnen. Die Laien, die Mitglieder in dieser apostolischen Bewegung sind, finden in ihr die apostolische Spiritualität des Ordens, das Licht, die Kraft, eine neue Vision der Welt, die ihr Engagement als Apostel nähren und beflügeln.

Wie viele Mitglieder von Laiengruppen könnten nicht sagen, dass sie Dominikaner geworden sind, weil sie, engagiert in einem Werk oder einer Aktivität apostolischen Ausmaßes – gleich welcher Art – gespürt haben, dass sie eine Spiritualität brauchten, die sie innerlich nährt, sie erleuchtet und ihre Bemühungen unterstützt!

Zweifellos gibt es in den Laiengruppen auch Mitglieder, die zunächst angezogen wurden durch die Persönlichkeit, die Ausstrahlung und den Geist des heiligen Dominikus. Diese Entdeckung hat sie dann dazu geführt, sich in einer Aktivität zu engagieren, ohne die alle Erben des heiligen Dominikus - die Laien eingeschlossen - nicht ganz sie selbst wären. Das dominikanische Leben ist apostolisch oder es ist nicht dominikanisch; seine Spiritualität kann nur apostolisch sein. Jede Laiengruppe muss sich prüfen, wo etwas in ihrem Leben und ihrer Ausstrahlung sich ändern muss; sie muss sich vor allem fragen, welches Gesicht sie den jungen Menschen zeigt, um in ihr das zu finden, was sie mehr oder weniger bewusst suchen.

***

Pater Chenu hat einmal gesagt, dass das Laikat ein architektonisches Element des Ordens des heiligen Dominikus sei. Nichts ist wahrer. Was würde aus der schönsten Kapelle einer Kathedrale, wenn man sie davon wegnähme, um sie auf freiem Feld wieder aufzubauen? Was wäre die schönste Kathedrale ohne diese Kapelle? In der Dominikanischen Familie sind die Laiengruppen kein ästhetisches Element, sondern sie haben eine Funktion. Sie sind ein unentbehrlicher Teil dieses grandiosen Organismus, der das Erbe des heiligen Dominikus ist.

Wenn die Laiengruppen nicht ihre Rolle spielen, fehlt etwas Wesentliches an denen, die diesen Organismus bilden. Ohne sie stehen die Mönche des Ordens allein vor der Welt, die sie evangelisieren sollen und deren Situation, Sehnsüchte, Ängste sie nur schlecht kennen - wobei sie sich zu leicht vorstellen, dass es genügt zu predigen, so wie sie es immer getan haben; die Schwestern, gleich was ihr besonderes Apostolat ist, laufen Gefahr, sich an junge Menschen zu richten, deren Vokabular ihnen völlig fremd ist; und die Nonnen erhalten nur indirekt Kunde von all der Not, die sie in ihr Gebet hineinnehmen sollten.

Wie es Pater Chenu weiter sehr richtig sagt, muss ein wirkliches Einverständnis hergestellt werden zwischen den Brüdern, den Laien und den Schwestern durch eine von der Struktur her ermöglichte Teilnahme am Programm der apostolischen Aktivitäten, und zwar in Mitverantwortlichkeit. Es geht hier nicht um eine geistliche Bewegung und noch weniger um eine großherzige Freundschaft, die sich damit begnügen würde, Laien den Brüdern und Schwestern des Ordens zuzugesellen.

Das Element des 'Geistlichen' und das der Freundschaft sind immer da - und in welcher Tiefe! -, aber in einer ganz anderen Perspektive und mit viel mehr Anforderungen! Der Tertiar von früher lebt heute nicht mehr in der dem Kloster angeschlossenen Herberge. Er 'wohnt' aufgrund seines Engagements und seiner dominikanischen Mitverantwortung im Kloster selbst. Das heißt, der ganze Orden würde es sehr spüren, wenn der Laie fehlen würde.

Karl Barth hat gesagt, dass man Theologie macht mit der Bibel und der Zeitung. Das gilt genauso für die Predigt und folglich auch für jedes dominikanische Apostolat. Die Laien haben eine ihnen eigene Art, die Zeitung zu lesen, die den Ordensleuten abgeht. Für den Laien hat jede 'Neuigkeit' Auswirkungen auf sein Familienleben, das Berufsleben, das soziale und politische Leben.

Im Innern der Kirche muss das dominikanische Laikat eine funktionelle Rolle in der Familie des heiligen Dominikus haben. Liegt da nicht etwas, womit man junge Männer und Frauen, junge Familien begeistern, entzünden und mobilisieren kann! Ist es nicht vielfach so, dass, wenn sie heute den apostolischen Anruf der Kirche und der Welt hören, sie sich innerlich noch zu leer von Christus und vom Evangelium fühlen, um schon ganz und mit Freude diesem Ruf antworten zu können?

Bologna, den 16. April 1983
fr. Vincent de Couesnongle, Ordensmeister des Predigerordens


¹ Pater D.M. Abbrescia OP bereitet ein Lexikon der Laien vor, das glücklicherweise die Geschichte der Laien erklärt.
Es erscheint in Bollettino di San Domenico. Erstveröffentlichung in: Dominikus O.K. (Deutschland).

 


↑SEITENANFANG↑

Gültiges HTML 5 CSS ist valide!