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BRIEF DES ORDENSMEISTERS
Frater Bruno Cadore OP zur Novene des Ordensjubiläums 2014

DIE DOMINIKANISCHEN LAIEN UND DIE VERKÜNDIGUNG

Der Ordensmeister
Foto: op.org

 

«Danach aber wird es geschehen,
dass ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch.
Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein,
eure Alten werden Träume haben
und eure jungen Männer haben Visionen.»

(Joël 3,1)

 

Liebe Schwestern und Brüder,

mit großer Freude schreibe ich diesen Brief – am Jahrestag der Bestätigung des Ordens –, um das Jahr der Jubiläumsnovene zum Thema 'Die dominikanischen Laien und die Verkündigung' zu eröffnen. Dieses Jahr folgt auf das Jahr des Glaubens, das von Papst Benedikt XVI. eröffnet wurde, der der Synode zum Thema Neuevangelisierung und Weitergabe des christlichen Glaubens vorstand, in deren Verlauf das Andenken der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils geehrt wurde. Dieses Jahr des Glaubens fand seinen Abschluss in der Veröffentlichung des Apostolischen Schreibens EVANGELII GAUDIUM von Papst Franziskus.

Wir wollen also unsere Aufmerksamkeit auf die dominikanischen Laien richten, zu einer Zeit, in der der Predigerorden besonders aufgerufen ist, sich diesen vielfältigen Appell zu erneuertem Eifer für die Neuevangelisierung zu Herzen zu nehmen. So hat das jüngste Generalkapitel der Brüder für die Feier des Jubiläums dieses einfache und radikale Motto als Thema gewählt: «Gesandt, um das Evangelium zu verkündigen».

Dies ist ein Echo der Aussendung der ersten Brüder als Prediger im Dienst der Kirche, die vollkommen für die Verkündigung des Wort Gottes lebten.

Das Motto ist einfach, denn es zentriert unsere Aufmerksamkeit darauf, was im Zentrum des Dienstes steht, den die Kirche vom Orden erwartet: Das Evangelium verkünden.

Es ist radikal, denn es erinnert uns daran, dass wir – trotz aller Schwierigkeiten, denen wir begegnen mögen, und trotz unserer eigenen inneren Ungewissheit darüber, was wir sein und tun sollen – zu allererst dieser 'Aussendung' zur Verfügung stehen müssen, aus der wir unsere Identität schöpfen.

Vielleicht heute mehr denn je soll das Thema der dominikanischen Laien uns helfen, besser zu erkennen, dass wir alle, als Mitglieder der Dominikanischen Familie, gemeinsam gesandt sind, um durch die Verkündigung des Evangeliums des Friedens, dem Gespräch Gottes mit der Welt zu dienen.

 

Eine 'dominikanische Gemeinschaft', gesandt, um das Evangelium zu verkündigen

Seit den Anfangszeiten des Ordens haben sich die Dinge selbstverständlich verändert. Zum Beispiel hat die Kirche ihre Überlegungen zur Predigt weitergeführt. Sie hat auch ihre Überlegungen zu den Laien und deren wesentliche Rolle im Zeugnis und in der Verkündigung des Evangeliums weiterentwickelt. In dieser Hinsicht war das II. Vatikanische Konzil ein wichtiges Ereignis. In gleicher Weise wird – anhand konkreter Erfahrungen – weiter darüber nachgedacht, auf welche Art und Weise die Laien integraler Bestandteil von Orden und Kongregationen, von neuen Gemeinschaften und Traditionen des geistlichen Lebens sein können.

Das Gemeinsame bei all diesen Überlegungen liegt in einer starken Überzeugung, die Paul VI. während des Konzils besonders betonte: Die Kirche wird zu dem, was sie wirklich ist, in dem Ausmaß, wie sie in der Welt zum Gespräch wird; das heißt, in jenem Ausmaß, in dem sie bei der Verkündigung des Evangeliums in der Welt danach strebt zu bezeugen, dass der Gott der biblischen Offenbarung durch Jesus der Menschheit begegnet, um mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Vor vielen Jahren hatte ich das Glück, am Leben einer Pfarrei in Haiti teilzunehmen, als kleine kirchliche Gemeinschaften entstanden, die man 'Bruderschaften' (fraternities) nannte. In einigen anderen Pfarreien wandelte sich dann der Name zu 'Ti Legliz' (Kleine Kirchen).

Die beiden Bezeichnungen erinnern uns daran, dass Bruderschaft in den ersten Jahrhunderten jener Name war, mit dem die Versammlungen der Kirche bezeichnet wurden. Die Bruderschaft, in der das Teilen des Glaubens und die menschliche Entwicklung eines jeden miteinander verwoben sind, war auch der Schmelztiegel von Zeugnis und Sendung. So wurde sie wie ein Siegel auf die Geburtsurkunde der Kirche gesetzt.

Obwohl ganz klar ist, dass sich die Dinge seit den Anfangszeiten des Ordens entwickelt haben, sind wir doch oft geprägt von bestimmten Analogien, die uns daran erinnern müssen, was das Feuer der Verkündigung in Diego und Dominikus entzündete: Die Umwälzung der Lebensart der Kirche durch die Veränderungen der feudalen Gesellschaft; das Heraufkommen neuer Wissensgebiete und neuer entsprechender Methoden; tiefgreifende Veränderungen der Organisation der Gesellschaften und der Städte.

Inmitten dieser Veränderungen entstanden Laiengruppen, die die Kirche dazu aufforderten, sich zu bewegen, sich herauszuwagen aus den zu fest gegründeten und zu starren Strukturen, die den Lebenshauch zu ersticken drohten. Diese 'Armen' und 'Niedrigen' wählten ein Leben, das unterschiedliche Aspekte miteinander verknüpfte: Eine demütige Präsenz in der Welt; ein authentisches und lebendiges Wort, das als frohe Botschaft verkündigt wurde; und eine gewisse Radikalität der Lebensweise.

Sie waren beseelt von der Intuition, dass jene Radikalität, die in der vollen menschlichen Verfasstheit um des Evangeliums willen gelebt wird, der beste Weg sei, um das Wort Gottes zu 'interpretieren' und die Gegenwart desjenigen zu bezeugen, der kommt, um die Welt zu erlösen.

Einige dieser Laiengruppen erhielten außerdem von Papst Innozenz III. die Möglichkeit, wandernd und bettelnd Verkündigung zu betreiben [ein Leben als bettelnde Wanderprediger zu führen]. Die 'Dritten Orden' der Mendikanten waren auf die eine oder andere Weise Erben dieser Bewegungen, die wir eindeutig von den Intuitionen des Ordenslebens unterscheiden müssen.

Aus eben diesem Gärungsprozess einer Kirche, die von neuem die Kraft ihrer Authentizität sucht, wurde die «Heilige Predigt von Prouilhe» (sacra prædicatio) geboren, als sich Laien dem Abenteuer des Dominikus anschlossen, das in seinen allerersten Anfängen steckte.

Wenn ich diese Zeiten der Anfänge heute erneut lese, werde ich unausweichlich daran erinnert, dass Dominikus, als er zunächst die ersten konvertierten Schwestern aufnahm, die sich unter seinen Schutz stellen wollten, dann Ermengarde Godoline und ihren Mann Sanche Gasc (8. August 1207), sich dieses Abenteuer vorzustellen begann nach dem Vorbild jener Gruppe im Evangelium des hl. Lukas, die Jesus begleitete, «der von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf wanderte und das Evangelium vom Reich Gottes verkündete.» (Lk 8, 1-3)

Diese kurze Passage des Lukasevangeliums, die Jesus als Prediger darstellt, bildet den Kern des Berichts in den Kapiteln 7 bis 10. In deren Licht dürfen wir uns freuen, dass wir unsererseits «gesandt sind, um das Evangelium zu verkündigen», nach dem Modell einer Bruderschaft.

In Weiterführung der 'Heiligen Predigt' werden wir wie eine Familie gesandt, um das Evangelium zu verkündigen. So ist der Begriff der 'Dominikanischen Familie' nicht nur eine Weise, die Konvergenz zwischen mehreren Gruppen mit der gleichen Absicht zu benennen. Er drückt auch eine Modalität der Evangelisierung aus. Unter diesem Gesichtspunkt sind die dominikanischen Laien eine Erinnerung an diese im Evangelium verwurzelte Anforderung.

Die Einheit unseres Ordens stammt in der Tat aus seinem Auftrag zur Evangelisierung: Die Laien, die Schwestern und die Brüder des Ordens sind Mitglieder derselben Familie, die ihre Identität dadurch erhält, gesandt zu werden, um das Evangelium zu predigen, indem sie Zeugnis ablegt von einem Gott, der kommt, um mit der Welt zu sprechen. Oder wir könnten eher sagen, die 'dominikanische' Identität ist genau die einer Familie – einer 'Gemeinschaft' (communio) –, die gebildet wird aus dieser organischen Bindung zwischen Evangelisierung und Kontemplation der Wahrheit, die das lebendige Wort ist, das in die Welt kam.

Dies bemühen wir uns in drei Formen zu gestalten, nämlich in Gebet, Studium und Gemeinschaft, und zwar spezifisch gemäß dem je eigenen Lebensstand eines/einer jeden. Im oben zitierten Lukasevangelium sind die Aussendung der Zwölf und später die Aussendung der Zweiundsiebzig in Zusammenhang mit der Dynamik zu sehen, in der Jesus sich als das Wort offenbart, das die Verheißung erfüllt und das Leben schenkt.

Dieses Wort, das die Brüder vereinigt, muss man hören und in die Tat umsetzen. Als Papst Honorius III. die Prediger empfahl, präsentierte er sie als völlig der Verkündigung des Wortes Gottes gewidmet. Aus dieser Weihe an das Wort Gottes durch Predigt und Kontemplation («Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.» Joh 17,17) stammt unsere Einheit.

In dieser Hinsicht ist die Dimension der Einheit der Dominikanischen Familie wesentlich, weil sie an die Sendung der Verkündigung des Reiches Gottes gebunden ist (die Fortführung des Gebetes des Sohnes an den Vater im Johannesevangelium nennt explizit die Aussendung in die Welt und bittet um die Einheit: Joh 17,18-23).

Der Predigerorden hat selbstverständlich in der Kirche weder ein Monopol auf die Predigt noch auf die Evangelisierung. Mir scheint aber, dass seine 'Bestätigung' vor fast acht Jahrhunderten ihn als 'Heilige Predigt' dazu bestimmt, dem Charisma der Predigt in der Kirche zu dienen, mit anderen Worten: [Die Sache], dieser wesentlichen Dimension der Kirche zu dienen, durch die sie selbst [die Kirche] begründet ist, wird verwirklicht durch die Gnade des Geistes Christi.

Dieser Dienst nimmt nicht nur die Form eines Akts der Predigt oder der Evangelisierung an, sondern noch mehr, durch die Tatsache, dass eine Familie in ihrer Einheit durch die Predigt begründet wird, ist sie mitten in der Kirche Trägerin der Erinnerung, dass die Evangelisierung dazu beiträgt, die Kirche als Bruderschaft und Gemeinschaft zu etablieren.

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