Authentizität
Besser: Stimmig oder Wahrhaftig  

20. August 2020
Authentizität

Die Demontage eines Menschen, seine vollständige soziale Verunmöglichung, ist die in den Raum gestellte Behauptung, er/sie sei »nicht authentisch«. Vor allem in Milieus, die dem Wesen nach auf eine hohe Glaubwürdigkeit angewiesen sind, in denen sich Botschafter und Botschaft im Modus hoher Übereinstimmung bewegen müssen, in denen im weitesten Sinne „verkündet“ wird, bedeutet das Adjektiv ‚unauthentisch‘ den gesellschaftlichen Tod als Religionsvertreter, Diplomat oder Politiker.

Dabei ist in Anlehnung an Watzlawick („Man kann nicht nicht kommunizieren“) festzustellen, niemand ist nicht nicht authentisch. Selbst wenn sich die personale Echtheit nicht mit der Botschaft in Übereinstimmung bringen lässt, ist eben der gerade präsentierte Ausdruck als Figur augenblickliche und reale Authentizität.
Auch der Prediger, der im Kontext seiner Predigt personifiziertes Gegenteil seiner Rede wird, vermittelt und ist zu jeder Zeit Träger von Authentizität insofern er dann nonverbal mitteilt, nie das Ideal seiner Rede erreichen zu können.

Überhaupt ist der Begriff der Authentizität zur Beurteilung einer Person gänzlich ungeeignet, stammt er doch aus der Soziologie und dient damit der Klassifizierung von Gruppenkommunikation und -verhalten.
Die einer Gruppe durch ihre Dynamik eigene Gestaltungskraft lässt eine Verifizierung oder Falsifizierung von (Gruppen-)Anspruch und Wirklichkeit zu, das geht aber dem Individuum gegenüber nicht, weil es an objektiven Interpretationsmöglichkeiten mangelt.

Authentizität entzieht sich der individuellen Deutung, denn niemand kann abschließend beurteilen, welcher Ausdruck eines einzelnen Menschen nun ihm eigen und damit authentisch ist oder nicht. Noch nicht einmal der Individualist selbst könnte das für sich definieren, zumal es dem Wesen des Menschen anliegt, sich stetig zu (ver)ändern, zu entwickeln, alte Verhaltensmuster in Frage zu stellen, schlicht in ständiger Bewegung auf dem Lebensweg Anpassungen vorzunehmen.

Es ist betrüblich zu sehen, wann und wo die vorgeblich mangelnde Authentizität als besonders scharfe Klinge ihr sinnbildlich blutiges und die Persönlichkeit des Betroffenen mordendes Wirken entfaltet. In Räumen der Frohen Botschaft, in christlichen Kirchen(gemeinden) – [Tatsächlich spielt in Moscheen und Synagoge die Frage nach der „Authentizität“ von Imam, Rabbiner oder Mitglaubenden keine sonderliche Rolle]. Sofern es nicht bald zu einer signifikanten Verhaltensänderung jener Christen kommt, die ständig die „Echtheit“ des Anderen in Abrede stellen, kann keine Botschaft wirken. Jedes Opfer ist dann obsolet.

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Dieser Beitrag wurde bereits am  4. August 2016 im Blog  des Forum Deutscher Katholiken veröffentlicht.

Übrigens, wer nach einem terminologisch richtigem Wort sucht, um den Eindruck eines Individuums zu beschreiben, kann 'authentisch' durch 'stimmig' oder 'wahrhaftig' ersetzen. Solche Einschätzungen sollten als persönliche Meinung und nicht als Faktum in den Raum gestellt werden.


Ich bedanke mich für verschiedene Glückwünsche zu meinem heutigen Namenstag :-)