Zigeunersauce
Danke Scheinheilige!  

16. August 2020
Von der Zigeunersauce und dem Negerkuss in der Mohrenstraße

Das Großreinemachen der politisch-korrekten Sprachpolizei zeitigt seine Wirkung: Nach dem Negerkuss oder Mohrenkopf, der Mohrenstraße in Berlin, und einigen anderen Geschichtskorrekturen war am heutigen Sonntag endlich die Zigeunersauce dran.

Knorr aus dem Hause Unilever hat sich in der Rassismusdebatte von seiner über 100-jährigen Traditionssoße namentlich getrennt, die jetzt als 'Paprikasauce Ungarischer Art' weitervermarktet wird. Weil es viele Menschen triggert, die diskriminierende Sprache! Bravo und Brava. – Zigeuner und Neger, das geht gar nicht! Igitti gitt.
Wer dagegen ist, wird stande pede in die rechte Ecke geboxt.

Dabei steht nach Kehrschuss-Logik die Frage im Raume, ob Zigeuner jetzt »Menschen Ungarischer Art« sind. Ok, das ist zu syllogisch.

Nun ist es aber so, dass eigentlich nicht Jener ein Rassist ist, der die Zigeunersoße genießt und sich mit dem Negerkuss ein freudig-süßes – und damit positiv konnotiertes – (Gaumen)Erlebnis gönnt, sondern gespiegelt eben der und die, die hier frei vom Kontext eine Diskriminierung unterstellen, welche überhaupt nicht gegeben ist.

Es ist beruhigend und sachdienlich zu lesen, was der 'Zentralrat der Sinti und Roma' dazu bemerkt:

»Für den Zentralrat sind vor diesem Hintergrund 'Zigeunerschnitzel' und 'Zigeunersauce' nicht von oberster Dringlichkeit. Viel wichtiger ist es, Begriffe wie "Zigeuner" kontextabhängig zu bewerten, wenn etwa in Fußballstadien 'Zigeuner' oder 'Jude' mit offen beleidigender Absicht skandiert wird«.

Und hier liegt der Kleine aber feine Unterschied: Die Absicht.
Beabsichtige ich die Herabsetzung ganzer Ethnien, wenn ich Speisen oder Zutaten nach ihnen (übrigens historio-terminologisch fast immer falsch) zugeordneten Bezeichnungen verwende?

Rumänische und bulgarische Staatsbürger, darunter vermutlich auch Sinti und Roma, werden hierzulande als billigste Arbeitskräfte beim spargeln und Tönnies missbraucht und gleichzeitig regt sich eine 'politisch-korrekte' Minderheit über #Zigeunersauce auf. Schizophren und albern.

Roger Willemsen
Eine tiefenpsychologische Deutung zu solchen Wortkorrekturen liefert uns +Roger Willemsen:

»Auch in der Sprache bilden wir immer neue Empfindlichkeiten aus, verfemte Wörter wie 'Neger', 'Zigeuner', 'Hasenscharte', 'Unkraut', 'mongoloid'. Ja, wir waren Hochempfindlich- keitsmaschinen und reagierten auf jeden sprachlichen Verstoß mit einem Alarmsignal das was anzeigen sollte?

Reizbar waren wir durch die Vorstellung, dass da unter dem Gesagten etwas Gemeines sei, etwas Unbearbeitetes. Übles, das sich aus der Masse des Vorbewussten und Verdrängten eines Tages emanzipieren und brisant werden könnte. All das fand mehr in der Sprache als in der Welt der politischen Tatsachen, der Konsument- scheidungen, der Akte kollektiver Zerstörung statt, die wir schmerzlos quittierten.

Quelle: Willemsen, Roger »Wer wir waren«, Fischer-Verlag Frankfurt-M, 2016  Amazon Affiliate-Link


In Österreich heißt das Schokoschaumgebäck derweil weiter ungestraft "Schwedenbombe". Und dann gibt es da noch die Operette »Der Zigeunerbaron«, was wird aus der? Boykott scheint mir ein zu geringes Mittel. Der Furor der Gerechtigkeit lässt mehr zu!

Und, bäh, der 'Führerschein' erst. Die Schmähung von Deutschen als 'Piefke' [Österreich], 'Kraut' [USA] oder 'Kartoffel(fresser)' [Multikulti; als Replik auf den Spaghetti- und Kümmelfresser] – das ist natürlich egal. Mir auch.

Warum gibt es noch immer eine 'Jägersuppe'? Das wird dem 'Jägermeister' aber gar nicht schmecken. In diesem Zusammenhang gilt es den Hamburger, die Frankfurter und Wiener, das Leipziger (Allerlei) als diskriminierend in Bezug auf die jeweilige (mittlerweile) indigene Minderheit zu prüfen. Es gibt viel zu tun. Moralmenschen, bitte übernehmen Sie.

Moralische Entrüstung ist und bleibt nämlich der Heiligenschein der Scheinheiligen.