Corona im Urlaub
Verhaltensoriginelle im Hotspot  

15. August 2020
Der Urlaub in den Zeiten der Corona

Gut, ich verstehe das dann später. Bis dahin zweifle ich wieder mal am gesunden Menschenverstand meiner im Ausland urlaubenden Mitbürger. Und auch Jenen, die noch nicht einmal ein halbes Jahr ihre Füße stillhalten können und zum »cornern« – neudeutsch fürs saufen – für dichtes und maskenfreies Zusammenrotten in Szene und Parkanlagen sorgen. Vor Corona war an diesen Plätzen viel weniger los. Da muss Trotz im Spiel sein. Auch im öffentlichen Nahverkehr.

Es gibt bei nicht wenigen Menschen einen paradoxen Drang, sich ins Verderben stürzen zu können. Sie haben dann oben auf dem Hochhaus nicht etwa Höhenangst oder Sorge vor dem angerosteten Geländer, nein, ihnen schießt der Gedanke durch den Kopf, wie einfach jetzt ein Sprung wäre. Es ist nicht die Angst vor der Tiefe, sondern die Angst, man könnte herunterspringen. Bei vollständiger Tassensammlung kommt es freilich nicht zur Tatumsetzung. Außerdem fehlt es am Einfluss des Kollektivs.

Im Falle unserer Doofies am Hotspot ist das anders. Was so viele machen, werde ich doch wohl auch dürfen! Jetzt erst recht! Der schuldbefreite Individualismus will in Gesellschaft gelebt werden. Ein Paradigmenwechsel in der Soziologie: Egoismus ist nicht mehr contram popolum, sondern ein weiteres Ausdrucksmittel der Gruppe. Was sich bisher ausgeschlossen hat, geht viral (das Wortspiel musste jetzt sein).

Oder sucht sich hier der Egoismus, gekleidet als Egozentrismus der Möchtegern- Influenza Influencer, nur wieder sein Publikum? Das menschliche Bedürfnis nach Nähe und Geselligkeit geht der Smartphone-Generation eigentlich ab. Ihnen reicht im Grunde ihr virtuelles Leben in der Bubble-Blase und das oberflächliche Bewundert-werden. Was Backstage hinter der Fassade läuft ist – weil therapiebedürftig – nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Wie kommt man also auf die Idee, in diesem Jahr in Risikoländer zu reisen? Auch wenn sie erst während des Aufenthaltes zu solchen deklariert werden, hätte ein gesunder Menschenverstand es sich heuer (und gegebenenfalls auch im nächsten Jahr) in Gran Terrassia oder auf Balkonien gemütlich gemacht. Bei 30°, Fußwanne mit kaltem Wasser unten und kühlem Drink oben. Duschen, wann man mag und dass nur zehn Meter weiter! Und keine lästigen Verhältnisse einer Bettenburg-Hölle. Herrlich.

Aber zurück zur Frage. Warum dieser trotzige Reisezwang und bei Rückkehr dann auch noch glauben, die Allgemeinheit müsse den Corona-Test zahlen? Und man brauche sich nicht in häusliche Quarantäne zu begeben, bis das negative Testergebnis vorläge? Am Montag beginnt schließlich die Arbeit, Schule etc.! – Unfassbare Ignoranz, die schwer bestraft gehört.

Zu unterscheiden von den unsolidarischen Reisenden sind die daheimgebliebenen 'Cornerer'. Da ist der Trotz zusätzlich oft machohaft gesteuert, wenn man sich die Bilder betroffener/besoffener Kieze so anschaut.

Nun, außer Empörung gibt es wenig Antworten. Stellt man die Verhaltensoriginellen nämlich zur Rede, springen sie durch den ganzen autistischen Formenkreis zwischen katatoner Gleichgültigkeit und bebender Wut. –

Es ist ein Corona-erfahrener Pathologe, der für ein wenig Erhellung sorgt: »Letztlich ist das Leben die Krankheit, die zum Tode führt.«